Faux Cap und Lavanono

2410 – Faux Cap und Lavanono

An einem sandigen Küstenabschnitt 30 km südlich der Stadt Tsihombe liegt das Fischerdorf „Faux Cap“ oder Betanty auf madagassisch.


Vor rund 500 Jahren täuschten sich die portugiesischen Seefahrer in ihren Berechnungen, als sie diese Region als Madagaskars
südlichsten Punkt deklarierten. Tatsächlich stellte sich heraus, dass das wenig westlich davon gelegene Cap Sainte Marie die Südspitze der grossen Insel darstellt. Daher entstand für Betanty die französische Bezeichnung „Faux Cap“ („das falsche Kap“). Die hohe Steilküste, die dauernden starken Winde und die faszinierende Landschaft mit der verkrüppelten Vegetation, sowie der einsame Leuchtturm von Cap Sainte Marie bringen Besucher immer wieder zum Staunen.

Das Kleinstädtchen Tsihombe liegt an der Grenze des Dornenlandes der Leute der Antandroy. Die Sandpiste zwischen Tsihombe und Faux Cap ist während der Trockenzeit gut befahrbar. Sie wird von grünen Sisalgewächsen und imposanten Baobabs gesäumt. Auffallend sind natürlich auch die Antandroy-Gräber in dieser einzigartigen Landschaft am Rand der Piste. Die bescheidenen Unterkünfte in den wenigen Siedlungen der Antandroy sind mit den einfachsten Baumaterialen der Umgebung gebaut. Wasser oder eher, der Mangel an Wasser ist das grosse Thema der Region.

Das abgelegene Fischerdorf Faux Cap ist glücklicherweise noch immer vom Massentourismus bewahrt. Dieses Dorf besteht aus nicht viel mehr als ein paar kleinen Strohhütten. Das Dorf liegt an einer abgeschirmten Bucht mit feinem und menschenleerem Sandstrand. In dem Sandablagerungen finden sich auch heute noch Eierschalen des wohl erst vor 500 Jahren ausgestorbenen Vogel Rocks (auch Elefantenvogel oder Aepyornis maximus genannt). Bei der Wanderung über die menschenleeren Dünen sind immer mal wieder Stücke dieser dicken Eierschalen zu finden. Gleich am Strand kämpfen die gewaltigen Wogen des Meeres gegen die Felsen des Landes.

In diesem abgelegenen Ort haben Besucher auch Gelegenheit, die traditionelle Lebensweise der Fischer kennen zu lernen. Ebenso sind die riesigen Buckelwale aus der Antarktis zu beobachten, die während des Südwinters zwischen Juli und September an dieser Küste vorbeiziehen. Es ist ein unvergessliches und eindrucksvolles Naturschauspiel, wenn diese Meeresriesen einen kräftigen Strahl ausblasen und ihre lauten Rufe erinnern an die Laute von muhenden Kühen. Zuweilen tanzen auch graublau schimmernde Delphine in leichtem Spiel über die Wellen.

Die nahe gelegene Südspitze Madagaskars, das Cap Sainte-Marie (Tanjona Vohimena), liegt zwei Dutzend Kilometer westlich von Faux Cap. Der Besuch ist lohnend, denn die Zone rund um Cap Sainte Marie ist ein Naturreservat, rauh und karg zwar, aber von seltenen Pflanzen bestanden. Eindrucksvoll auch die herrliche Landschaft, aber auch das stetig tosende Meer. Hier wehen die Winde das ganze Jahr über und ohne Unterlass. So sehr, dass die niederen Bäume ihre Stämme wie krumme Rücken vom Wind wegdrehen. In sonderbarer Weise erinnert diese Mikrolandschaft an Tundra und Lappland.

Die Südspitze Madagaskars wird von einem 18 Meter hohen Leuchtturm bewacht. Unter dem auf einer dramatischen Klippe erbauten Leuchtturm teilt sich das Meer: im Osten der Indische Ozean, im Westen der Kanal von Mozambique. Der 1971 gebaute Backstein-Beton-Turm ist bemannt und erfüllt bis heute eine wichtige Funktion. Alle zehn Sekunden sendet er einen Lichtblitz hinaus in die stürmische See. Trotzdem zerschellt alle paar Jahre ein verirrtes Schiff an diesen Klippen. Die stillen Katastrophen – oft begleitet von Ölverschmutzungen – werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die windige Welt von Cap Sainte Marie liegt 800 km Luftlinie von der Hauptstadt Antananarivo entfernt und auf dem Strassenweg ist es fast doppelt so weit.

Interessant, dass genau dieser Leuchtturm es 2010 als Sujet auf eine Briefmarke der Komoren schaffte. Das Thema der Serie war „Leuchttürme und Vögel“.

Der Leuchtturm liegt im Naturschutzgebiet Cap Sainte Marie. Hier gedeiht an der hohen, zerklüfteten Steilküste eine verkrüppelte Dornenvegetationen, deren Wuchshöhe – infolge der steten Südwinde – einen Meter kaum überschreitet. Das Naturreservat Cap Sainte Marie erstreckt sich über eine Fläche von rund 1750 ha und wurde im Jahr 1962 als Sonderreservat klassifiziert.

Dieses Schutzgebiet liegt zwischen 100 bis 200 m über dem Meeresspiegel und hier gedeihen auch endemische Sukkulenten wie die Dickblattpflanzen, die Malvengewächse und die seltenen „Euphorbia cap-saintemariensis“, die nur gerade hier an diesem südlichen Ende von Madagaskar zu finden ist. Diese Euphorbienart wurde vom berühmten deutschen Pflanzenforscher Professor Werner Rauh entdeckt und erstmals beschrieben. Überhaupt wirkt dieses Naturgebiet wie ein wunderschöner Steingarten voller seltsam aussehender Pflanzen. Viele einzigartige Pflanzen in diesem regenarmen Gebiet sind noch nicht klassifiziert und verdienen deswegen einen besonderen Schutz.

Dieses Reservat und ist auch für seine unzähligen Strahlenschildkröten „Astrochelys radiata“ und „Geochelone radiata“ bekannt. Diese endemischen Tiere gehören zu der grössten Attraktion in der Region des südlichsten Punktes von Madagaskar. Im Reservat weg von den Menschensiedlungen konnten diese Reptilien bislang ungestört leben und sich vermehren. Doch leider machen nun auch hier skrupellose Reptiliensammler Jagd auf junge Schildkröten, um sie illegal zu exportieren.

Die schwierige Autofahrt in diese entlegene Gegend wird durch die Schönheit der faszinierenden Gartenwelt entschädigt. Botaniker, Naturfreunde und Fotografen kommen wirklich auf Ihre Kosten.

Bei der Weiterfahrt Richtung Westen erstreckt sich eine völlige flache Landschaft mit Kakteen, Schildkröten am Rand der Sandpiste, ab und zu staunende Kinder, die immer freundlich zuwinken. Nicht weit von der Südspitze Madagaskars entfernt liegt an einer langgezogenen Bucht das idyllische Fischerdorf Lavanono. Auch dies ein kleines Naturparadies.

Lavanono bedeutet wörtlich übersetzt „lange Brust“, wegen seiner rund 100 Meter hohen und weitläufigen Felsenklippe in seinem Rücken. Dieses Felsenband bildete im 17. Jahrhundert ein wichtiger Orientierungspunkt für die portugiesischen und französischen Seefahrer.

Dieses authentische Fischerdorf, etwa dreissig Kilometer von Cap Sainte Marie entfernt, gehört ebenfalls zur Region Androy, „dem Land der Dornen“. Das kleine Dorf liegt an einer kilometerlangen Lagune, deren feinsandiger, vom Massentourismus verschonter Strand zum Entspannen und Müssiggang einlädt.

Jedoch kommen junge Leute aus aller Welt hierher, denn Lavanono gehört zu den schönsten Surfspots in Madagaskar, ja der ganzen Welt. Die grossen und gewaltigen Wellen üben eine magische Anziehungskraft auf die Surfer-Gemeinde aus. Es gibt vor Ort zwar keine richtige Infrastruktur für die Ausübung dieses Sports, das hält aber die Sportbegeisterten nicht davon ab, mit der erforderlichen Ausrüstung über beschwerliche Sandpisten aus Tulear oder Fort Dauphin anzureisen.

Das Hinterland besteht aus einem Sedimentgestein, das im Laufe der geologischen Geschichte eine Hochebene gebildet hat, die mit einer Klippe endet, an deren Fuss sich das Dorf Lavanono befindet. Der Kontrast des Hinterlandes mit dem Sedimentgestein sowie die Küste mit der erstaunlichen landschaftlichen Vielfalt mit dem feinen Sandstrand sind besonders bei Sonnenuntergang faszinierend.

August 2021, geschrieben von Bodo, PRIORI Antananarivo

Print Friendly