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Antananarivo-Antsirabe

2000 Antananarivo – Antsirabe

Heute verlassen wir das Verkehrschaos der Hauptstadt und über die welligen Hügel des Hochlandes bewegen wir uns auf der Nationalstrasse Nr. 7 (RN7) Richtung Antsirabe. Wir werden einige der Sitten und Bräuche der Merina Volksgruppe kennen lernen, aber auch viel über ihren Alltag am Strassenrand.

Dieser südliche Teil Madagaskars ist fast das ganze Jahr über zu befahren…

Über die welligen Hügel des Hochlands bewegen wir uns in Richtung Süden. Das Klima ist angenehm und die Route bietet eine Vielfalt an landschaftlichen Reizen: wir fahren durch die typische Hochlandlandschaft mit den Lehmziegelhäusern in allen Farbtönen. Sie sind mit Gras oder Reisstroh bedeckt. Die satt grünen Reisfelder unter stahlblauem Himmel und die sanft auslaufenden Gebirgsketten wechseln sich ab mit Gemüse-, Ananas- oder Maniokfeldern. Ab und zu sieht man auch Eukalyptus- und Kieferwälder entlang der Strasse.

Antananarivo-Antsirabe
Nach paar Kilometern gelangen wir zum kleinen Städtchen Ambatofotsy, (wörtlich übersetzt heisst das “am weissen Felsen“). Am Rand des Dorfs überqueren wir eine lange Brücke, hier werden frisch gepflückte Erdbeeren und bunte Blumen den vorbeifahrenden Leuten angeboten. Am Fluss breiten die Frauen ihre Wäsche aus und überall qualmt das Holzfeuer der Lehmziegelburgen, in denen die typischen Ziegel gebrannt werden. Zebus ziehen als Arbeitstiere gemächlich ihre Bahnen durch die Reisfelder.

Der Baustil der Häuser ändert sich laufend in Madagaskar, je nach der Region und je nach dem Baumaterial, das die Bewohner zur Verfügung haben. Die Hochlandarchitektur gibt es in Madagaskar erst seit der Einwanderung der Engländer und Franzosen in Madagaskar. Unterwegs bemerken wir, dass die Hochlandhäuser aus Ziegelsteinen meist einen rechteckigen Grundriss haben und immer in Nordsüdausrichtung gebaut sind. Dies hat mit der klimatischen Anpassung an Wind und Sonneneinstrahlung zu tun. Die Türen und die Fenster liegen auf der westlichen Längsseite, also wo die Sonnenstrahlen vor dem Sonnenuntergang das Haus durchfluten. Dies entspricht genau dem bekannten madagassischen Spruch: „Wo die Sonne eintritt, kommt keinen Arzt herein“.

Wir begegnen den Häusern in allen Farbtönen von braun über ocker und rosa oder rot, je nach der Farbe der erodierten Erdböden im Hochland. Sie fügen sich darum perfekt in die grüne Landschaft ein. Hier im zentralen Hochland sind die Häuser mit den charakteristischen hölzernen Balkonen meist mit Blechdächern gedeckt.

Antananarivo-Antsirabe
Die madagassische Kultur ist noch weitgehend traditionell und wesentlich vom ländlichen Leben und den religiösen Vorstellungen beeinflusst. Auf der ganzen Insel ist es Sitte, dass die Familie vor dem Hausbau den alten Medizinmann (“Mpanandro“) des Dorfes zur Rate zieht. Er ist befähigt, den günstigen Tag für die besondere Ereignisse im Alltag, wie die Grundsteinlegung des Neubaus, eine Heirat, den Bau einer Grabstätte oder das Fest für die zweite Bestattung oder “Famadihana“ zu bestimmen. Der Zeitpunkt richtet sich nach der Stellung des Mondes. Dieser Brauch haben die arabischen Einwanderer eingeführt und hat besonders mit dem arabischen Mondkalender zu tun.


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Nach ein paar Kilometern erreichen wir die nächste grosse Stadt Ambatolampy, (das bedeutet wörtlich übersetzt “die Stadt in der Nähe der Felsen“). Ein Zwischenstopp lohnt sich hier für jene, die der Herstellung von Alu-Kochtöpfe zuschauen wollen. Die Arbeiter in der handwerklichen Aluminiumgiesserei zeigen, wie Kochtöpfe, Löffel, Gabeln aus gebrauchtem Aluminium hergestellt werden. Die Alutöpfe sind in ganz unterschiedlichen Grössen in jedem Haushalt zu finden. Da die Madagassenfamilien recht grosse sind, kaufen sie immer die grossen Kochtöpfe (Cocotte oder “vilany“ auf madagassisch) von 32 bis 36 cm Durchmesser.

Das Städtchen Ambatolampy liegt schön am Fusse des Ankaratra-Massivs, dem dritthöchsten Gebirge Madagaskars. Bei der Wald- und Fischzuchtstation “Station Forestière et Piscicole de Manjakatompo“, ca.7 km von der Stadt entfernt, ist der Ausgangspunkt einer erlebnisreichen Wandertour durch diese Berglandschaft bis zum höchsten Gipfel von Ankaratra, der 2640 m über dem Meeresspiegel liegt. Das ganze Jahr ist der Gipfel mit Nebel bedeckt, daraus auch der Name “Tsiafajavona“ (wörtlich: wo der Nebel immer bleibt). Der Gipfel ist auch ein heiliger Ort, wohin regelmässig die Schamanen (Ombiasy) und die Naturheilkundigen (Mpisikidy) pilgern und Opferzeremonien abhalten. Die Gegend hat eine sehr reiche Flora, aber der Aufstieg bis zum Gipfel bedingt eine gute Kondition.

Antananarivo-Antsirabe
Wir setzen die Reise weiter fort und merken sofort die vielen Verkaufsstände entlang der Nationalstrasse Nr 7. Jedes Dorf zeigt seine handwerklichen Objekte: die herrlichen Hand- und Einkaufstaschen oder Hüte aus Naturmaterialen wie Raphia oder Reisstroh stechen sofort in die Augen, die bunten Miniaturfahrzeuge aus Kiefern und Eukalyptusholz oder aus Bierdosen und die selbst gebastelten kunstvollen Tankfahrzeugen, LKWs oder Allradwagen sind den vorbeifahrenden Autos nachempfunden! Die Auswahl ist sehr gross und diese Kunsthandwerke sind schöne Souvenirs oder Mitbringsel aus Madagaskar.

Unterwegs fallen die grossen Familiengräber der Merina Volkstämme am Rand der Strasse auf, einzeln oder in Gruppen, aber meistens ausserhalb der Dörfer oder Siedlungen.

Merina bedeutet: “die aus dem Hochland, von wo aus man weit sehen kann“. Diese Bevölkerungsgruppe ist zahlenmässig die grösste Volksgruppe Madagaskars, vom Aussehen her klein und zierlich gebaut im Vergleich zu den anderen Ethnien. Man erkennt sofort ihre indonesisch-malaiische Herkunft.

Ahnenwelt und Gräberkult spielen eine grosse Rolle in der madagassischen Kultur. Die Madagassen glauben, dass die Ahnen bzw. die Vorfahren im Jenseits weiterleben. Meistens ist ihr “zweites Haus“ bzw. ihre Grabstatt in der Nähe ihrer früheren Siedlungen. Die Seele der Verstorbenen lebt weiter und wacht über das Leben ihrer Nachkommen.

Alle Familienangehörigen, Grosseltern, Eltern, Onkel, Tanten, Kinder und Enkelkinder werden im Hochland in einer Familiengruft bestattet, so wie das madagassische Sprichwort sagt: „Lebendig im selben Haus, tot im selben Grab“. Grundsätzlich sollte man sich Gräbern nur mit grösstem Respekt nähern und mit der Genehmigung der Dorfbewohner.

Antananarivo-Antsirabe
Wir sind nicht mehr weit von unserem Etappenziel und kommen zum nächsten Städtchen Ambohimandroso, ein beliebter Rastplatz für die Taxi-Brousse und LKW-Fahrer. Wir gehen einfach in eine der vielen Garküche am Strassenrand oder „Hotely Gasy“. Die Ausstattung ist sehr einfach und rudimentär, aber das Essen ist immer frisch zubereitet, schmeckt gut und wird sehr rasch an die Tische serviert. Die Passagiere der Taxi-Brousse dürfen ja nur ca. 30 Minuten hierbleiben. Das Menü steht auf einer Wandtafel geschrieben. Zu einer grossen Portion Reis stehen immer Huhn, Zebu, Schwein oder Fisch zur Auswahl, also eine grosse Fleischauswahl, entweder mit Tomatensosse oder mit verschiedenen Kochgemüsen serviert.

Nach ein paar Kilometern stellen wir fest, dass der Vorort von Antsirabe zur grössten Gemüsekammer Madagaskars gehört. Der Boden ist sehr fruchtbar, alle Arten von Gemüse wie Karotten, Kartoffeln, weisser Kohl, Blumenkohlen… gedeihen hier sehr gut. Das frisch geerntete Gemüse in kleinen Körbchen und die diversen Gemüsestapel am Strassenrand sind eine Augenweide für die Fotografen.

Endlich kommen wir in der kühlen Thermalstadt Antsirabe an, sie ist die Stadt der Superlative: die Stadt der schönen Edelsteine, die Stadt des Wassers, ein reizender Kurort und mit den sagenhaften Kraterseen. In der Stadt verkehren viele Rikschas und es gibt zahlreiche Handwerksbetriebe und Kunsthandwerker.

November 2020; geschrieben von Koloina PRIORI Antananarivo
Redigiert von Peter Elliker www.madagaskarhaus.ch

Papierherstellung in Madagaskar

Antaimoro Papier - Papierherstellung in Madagaskar

 

Ein Einblick in die Antaimoro Papierherstellung

Sorabe heissen die heiligen Bücher, in denen Weisheiten der arabischen Einwanderer niedergeschrieben wurden, die im 13. Jahrhundert an der Südostküste Madagaskars landeten. Sie brachten die Kunst des Schreibens mit und hielten ihre religiösen Formulierungen, Heilsprüche und Zukunftsdeutungen in arabischer Schrift fest. Somit ist arabisch die erste in Madagaskar benutzte Schrift.

Das Papier stellten die Antaimoro selber aus Pflanzenmaterialien her. Diese Kunst des Papierherstellens hat sich über Jahrhunderte gehalten, eher in einem eingeschworenen Kreis, denn die Heiligen Bücher durften nicht von fremden Augen gesehen werden. Erst die Kolonialausstellung von Paris, 1931, machte dieses Naturpapier bekannt.

Dies hingegen weckte das Interesse von Pierre Mathieu, einem französischen Kaffeepflanzer an der Ostküste Madagaskars. Erst in Manakara, dann schliesslich ab 1936 in Ambalavao in einer stillgelegten Konservenfabrik, stellte er seine Version des Antaimoro-Papiers her. Dies dank Insiderwissen eines Antaimoro, Rangahy Armand, der im Betrieb mitarbeitete.

Im Laufe der Produktionsjahre verlor das Papier seinen sakralen Wert. In die Papiermasse wurden getrocknete Blumen eingelegt, Blätter und Blüten. Das sah dekorativ auf Lampenschirmen aus oder als ungewöhnliches Briefpapier. Postergrosse Papiere wurden als Paravent eingearbeitet. Doch das Antaimoro-Papier diente nicht mehr heiligen Zwecken.

Pierre Mathieu starb 1948 und seine Frau fabrizierte im Betrieb weiter mit einem quasi kolonialen Monopol. Als auch Armand 1967 starb, begann ein unschöner Kampf um ‘Markenrechte’. Armand hatte sein Wissen seinen Kindern weitergegeben, die ab den 1970er Jahren selber Ateliers eröffneten. Daher finden sich heutzutage mehrere Fabrikationsstellen in der Agglomeration der Hauptstadt und an anderen Orten. Alle behaupten, das ‘originale’ Antaimoro-Papier herzustellen.

In Madagaskar wird Papier generell taratasy genannt, was auch Brief oder Meldung bedeutet. Das Papier Antaimoro wurde nie dieser Kategorie zugeordnet. Interessant aber, dass die Strasse der Antaimoro-Produktion in Ambalavao heute noch Ambalataratasy (Park des Papiers) genannt wird.

Heutzutage ist ein Besuch der Papierherstellung in Ambalavao fester Bestandteil einer Reise auf der RN7 gegen Süden. Der Ort hat jedoch seinen Charme verloren und die Herstellung scheint nur noch eine magere Touristenshow geworden zu sein.

Was derweil mit den heiligen Büchern, deren Papier und Schrift im Land der Antaimoro geschieht, bleibt geheim und das ist auch gut so.